Klaus vom Bruch & Daniel Rogge
Gespräch am Ende


Ist das eigentlich gut für die Leute, wenn du sie an der Schule aufnimmst?
Für mich ist das eher eine Belastung.
Ob das für die gut ist !!
Das müssen die schließlich selbst entscheiden. Ich tue ihnen gar nichts an. Ich ziehe mich sehr gerne zurück, weil ich glaube, man sollte nicht so in den Menschen rumwühlen. Wie sie selber in sich selbst wühlen, das ist schon genug des Wühlens.
Und das Wühlen nützt nichts?
Nein, das nützt nichts.
Kannst du das Konzept der Hochschule beschreiben?
Der Professor zieht sich möglichst weit zurück, damit der Student viel Raum hat, um sich zu entwickeln.
Und was soll er da entwickeln?
Sich selbst.
Das hört sich sehr nach klassischer Kunstakademie an.
Ist es aber nicht.
Aber da ist es doch genauso: Die Professoren kommen selten, und wenn...
Nein, in der Kunstakademie lassen sie dich alleine. Hier bieten wir dir Raum, der definiert ist.
Wo durch ist der definiert? Durch die Abwesenheit?
Der Raum ist definiert durch die freie Bahn, die man ihm gibt. Indem man sagt, dies ist eine Freiheit, die musst du begreifen.
Gilt das speziell für die Medienkunst oder ist das die Grundidee der ganzen Hochschule?
Medienkunst hat natürlich eine größere Freiheit, weil sie sich auf verschiedene Felder bewegen könnte. Malerei, Skulptur bewegt sich auf einem vorgefertigtem Pfad. Insofern ist Medienkunst ungeclaimtes Territorium. Du kannst Gold suchen, wo es noch keiner erahnt, wo sich noch nicht so viele ansiedeln und wo die soziale Struktur dann so schlimm wird, dass du es da eigentlich nicht mehr aushalten kannst. Den Kindern kann man folgendes beibringen: immer dahin zu gehen, wo kein anderer ist. Das ist ähnlich wie beim Reisen. Wenn LTU irgendwohin fliegt, sollte man da nicht mehr hinfahren.
Am Bauhaus oder in Ulm gab es auch einen starken politischen Anspruch. Wie ist das an der Hochschule für Gestaltung?
Gibt es auch hier. Auch wenn der Direktor das nicht wahrhaben will. Ich kann nur sagen Wie hieß das früher? Bonn ist nicht Weimar? Karlsruhe ist nicht Weimar. Aber vielleicht noch schlimmer. In Karlsruhe hat die Revolution noch nie eine Chance gehabt. Obwohl, der hessische Landbote war hier ja in der Nähe. Wo war das noch? Frankfurt? Und Feuer. Gib mir mal Feuer für meine Havanna.
Kannst du das Konzept derjenigen, die die Hochschule gegründet haben formulieren?
Also die Idee derjenigen, die die Hochschule gegründet haben, die kann ich jetzt nicht exemplifizieren. Ich wurde gefragt hier mitzumachen, nachdem die Hochschule gegründet wurde. Das habe ich getan. Was meinst Du, was für Krähe dahinter stehen? Was für Interessen? Da kann man einfach zitieren ";Das Sein bestimmt das Bewusstsein";. Diese Region versucht mit der Zentrale Stuttgart, etwas zu initiieren, was Softwareindustrien anlockt durch eine Art von akademischer Nobilitierung am Ort. Das ist diese Hochschule. Und die meinen - und das ist auch dieses Rekurieren auf eine Art von Bauhaus - das sei die Kaderschmiede für das, wo sie nachher die Steuern erwirtschaften. Das ist eine Vorinvestition. Das ist denen das wert, diese Märker, die sie da investieren. Die sind sich überhaupt nicht klar, was es eigentlich voraussetzt, wie viel Zeit es eigentlich erfordert, um so was zu bekommen wie ein - in Anführungsstrichen - ";Silicon Valley";. Und das ist die Spekulation der Politiker in ihrer völligen Naivität, die am Fußballplatz besprochen wurde, aber schwer nur aufgehen wird. Jede mittelmäßige Provinzstadt versucht genau das Prinzip zu verwirklichen, das sie irgendwie durch ";Focus";, oder durch den ";Spiegel"; aufgeschnappt hat. Wir sind aber nicht die Vollzugsbeamten dieses Prinzips. Wir kommen als unabhängige Wesen ins Spiel und daraus entsteht ein Kontrast, der - also wie will man sagen - der friedlich nicht zu belegen ist. Trägst du nicht auch bei zur Nobilitierung der Medien~ Die Nobilitierung der Medien ist ja nicht mein Problem. Ich habe Medien benutzt aus einem Rache- und Hassgefühl auf tradierte Medien wie Skulptur und Malerei. Ich habe mir gedacht: das ist es. Wir müssen ganz anders anfangen. Der Feminismus beispielsweise hat sich deshalb auf Performance und Video bezogen, weil das ein vom Patriarchat unbelastetes Medium ist, wo ein Neuanfang möglich ist. Und der Gedanke schlummert natürlich auch in mir. Ich wollte nicht der Väter ästhetik bedienen, sondern ich wollte was Neues machen, was mit den alten Säcken nichts zu tun hat. Das ist der eigentliche Ursprung in der Benutzung eines Mediums. Aber das greift ja nur, wenn man vom Museum, von der Kunsttradition ausgeht. Wenn man das Medium wechselt, erfindet man ja keines neu. Es gibt ja auch vor der Videokunst eine Tradition des Fernsehens oder des Films, in der sich Machtstrukturen etabliert haben. Bezieht man sich mehr auf die Struktur, die in den Medien vorhanden ist, oder mehr auf die Kunststruktur, wenn man Medienkunst macht und lehrt. Also, die negative Benutzbarkeit einer Situation oder eines Mediums ist immer gegeben. Es ist nur eine Vereinbarung, was wirklich künstlerisch legitime Praxis ist, oder von Wert, oder was kriminell ist, oder nicht kriminell. Und da liegt auch der Charme dieses Mediums. Es ist natürlich stigmatisiert. Es ist schon stigmatisiert durch den Gebrauch der Medien durch die Nazis, jeden totalitären Regimes. Da ist aber auch eine brisante, zeitgenössische Spannung drin, die es interessant macht, sie zu benutzen.
Von dieser Hochschule wird jedoch auch erwartet, einen direkten Output hinsichtlich Multimedia und Design von neuen Medien zu liefern. An die Medienkunst als Fachbereich ist herangetragen worden, auch Berufsausbildung zu leisten.
Jede Art von Berufsausbildung lehne ich ab, denn der Beruf, den ich ausbilde, der hat eigentlich keine Chance. Und Design ist für mich ein K"begriff, denn ich halte Design für eine moderne Art der Umweltverschmutzung.
Krasse Worte.
Klar.
Gibt es noch einen Unterschied zwischen Werbung und Design?
Ja die Designer fühlen sich ein bisschen feiner als die Werber, aber ich sehe da eigentlich keinen Unterschied. Es ist geistiger Diebstahl der Leistungen anderer, benutzter Praxis, um ein Produkt zu verkaufen. Ich versuche natürlich auch, mich zu verkaufen. Aber wenn das nicht klappt, bin ich trotzdem glücklich, mit dem, was ich selber mache.
Aber eine Ware, die du herstellst, die sich nicht verkauft, ist sozusagen obsolet.
Aber meine Ware ist nicht obsolet, weil sie mir zumindest das bietet, was ich von ihr erwarte.
Nun haben wir aber hier an der Hochschule die Konstruktion, dass sehr divergierende Richtungen nebeneinander installiert worden sind: einerseits der Kontrast Design und Kunst, und dann auch noch die Theorie dazu. Ist das positiv zu nutzen?
Nein, das stellt nur die Welt dar, wie sie ist. Wir haben einen Mikrokosmos. Es ist eigentlich die Welt im kleinen, sozusagen hoch extrapoliert. Das was im Großen ist, geben wir unter zwölf Kollegen wieder und versuchen, diese Welt neu als Globus aufzublasen. Insofern entsprechen die Konflikte und die verschiedenen Ideenmodelle genau dem, was uns umgibt. Es ist realistisch. Es ist sozusagen die Modelleisenbahn für die Welt. Das was hier ausgetragen wird, besteht sowieso realiter in der Welt. Nur ein Problem ist dabei: Wenn man sich in so einer persönlichen Kommunikation befindet, müsste man eine Kategorie - wie sie gesellschaftlich nicht einzuführen ist - wie die einer persönlichen Ironie, oder einer Redundanz der Möglichkeit von Ideen besser etablieren als es jetzt hier der Fall ist. Das ist auch meine Kritik an dieser Schule. Man müsste sich darüber klar sein, dass das, was man macht, kaum Auswirkungen hat auf die Realität. Und man müsste froh sein, dass es keine Auswirkungen hat, dass es ein Sprachspiel wie bei Wittgenstein ist, das schon Verblüffung geistiger Art hat, aber wirklich - Gott sei Dank - keine Auswirkung. Man kann froh sein, dass es in einem spielerischen Kontext ist, also ein rein geistiges Phänomen bleibt, dass man nach sechs Jahren vielleicht 30 Studenten in die Wirklichkeit entlässt, die dann wirklich Künstler werden. Von 300 Studenten werden 30 irgendwie was. Und die anderen haben nur Stimuli erfahren. Das wäre immerhin ein besserer Schnitt als an den meisten Akademien. Dies wäre ein großartiger Schnitt. Ich bin da sehr optimistisch. Wenn das gesamtgesellschaftlich begriffen würde als Modell für alle, von Jurisprudenz bis BWL-er, wäre das ja visionär. Einfach aus dieser Haltung heraus: Wir versuchen es, es scheitert, aber es gibt da Reste. Sedimente. Das fände ich großartig.
Wie sehen denn diese Reste aus?
Grün!
Aber die Schule sollte ursprünglich doch mehr sein als ein Spiegel. Ziel war ja nicht, dass auch hier nicht zusammenkommt, was draußen nicht zusammengehört.
Ich kann an einer Schule nicht mehr machen, als in der Welt draußen.
Man hatte in den ersten Semestern aber doch das Gefühl, dass sowohl die Studenten, wie die Professoren geglaubt haben, dass - wenn auch keine vollständige Synthese oder das Überwinden aller Konflikte möglich ist- so doch gerade im Zwischenbereich der Fächer ganz neue aufregende Dinge entstehen können?
Das ist ja auch so der Fall. Ich glaube, wenn ich dich jetzt als Student ausbilde - wenn man das als Ausbildung bezeichnen Möchte. Eine Ausbildung ist nicht so etwas, wie ein Seminar abhalten oder eine analoge Wissensanreicherung. Mir geht es eher um eine schamanistische Initiation: Ich sitze auf einem Baum und lasse etwas fallen. Dann sagt der unten: "lch habe gemerkt, der hat was fallen lassen." Weil, alles andere ist ja erlernbar. Aber eine Initiation ist nicht erlernbar, sondern kann nur initiiert werden. Das kann man ja von den sogenannten primitiven Kulturen lernen, dass es darum geht, etwas Außergewöhnliches zu erreichen. Alle die, die es nicht schaffen, wie Schamanen auf den Baum zu klettern, sind dann auch better off, weil sie gesehen haben, wie andere Schamanen auf den Baum geklettert sind und das nicht vergessen werden. Also, das meine ich ganz ernst: Die Beobachtung eines schamanistischen Rituals ist auch viel wert. Man muss nicht selber auf den Baum klettern.
Diese Beobachtung kann auch erschrecken.
Das hoffe ich.
Es gibt im Konzept der Hochschule auch die Vorstellung, dass sich alles ständig erneuern soll: ein Konzept der permanenten Revolution. Durch die kurzen Professorenstellen, die natürlich auch ihre finanziellen Gründe haben, wenn auch nicht nur.
Ich habe ja den Begriff der Taschengeldzahlung eingeführt.
Für die Professoren? Und du kommst damit nicht aus?
Nein. Das ist ja doch irgendwie eine Taschengeldzahlung.
Worauf ich hinauswollte, ist die Entwicklung in den Fächern. Es werden sehr renommierte Leute an die Schule geholt, die dann kaum erscheinen.
Das liegt aber in der Natur von dpa-Meldungen. Das ist aber nicht mein Problem. Das ist ein Problem des Rektors. Also, mir liegt nichts an dpa-Meldungen. Mir geht es um eigene Arbeiten und wie ich dazu stehe und nicht wie sie rezipiert werden in der Frankfurter Allgemeinen oder so.
Wie ist das denn mit der Videokunst? Sie ist zwar noch nicht tat, aber sie stinkt inzwischen schon ein bisschen.
Polemik! Dazu kann ich nur sagen, Video-Kunst ist eine ";Bindestrich-Kunst";. Die habe ich immer bekämpft. Es geht darum, wie es mit der Kunst weitergeht. Und eine Polemik mit neuen Sachen ist immer auch eine Nobilitierung dieser Sachen.
Es gibt aber an der HfG eine Tendenz, dass bei der Neubesetzung von Professorenstellen auch wieder Claims abgesteckt werden und gewisse Schulen sich multiplizieren, indem man Schülern von Schülern von Schülern zu Professoren macht.
Also meine Sorge bei den Neuberufungen ist, dass man einen Punkt in der Geschichte erwischt hat, an dem Heinrich Klotz mit seinem Charme Leute integrieren konnte, dass das aber auf Dauer nicht zu leisten ist. Irgendwie ist so ein Dynamo nach einer Weile nicht mehr so in Takt. Ich glaube, dass es nicht darum geht, immer wieder Highlights zu finden, sondern auch, eine Kontinuität zu halten.
Also, die HfG als Museum der 80-er Jahre?
Nein. Ich finde, die Einteilung in Dekaden, das ist dummes Zeug. Ich glaube nur, dass es schwierig ist, Leute, die wirklich etwas machen, an eine Hochschule zu binden. Nicht, dass ich was gegen euch habe, als junge Menschen, die sich für Kunst interessieren. Aber wir können auch privat verkehren.
Hat sich das auf deine Arbeit ausgewirkt, hier Professor zu sein?
Nein, die Geburt meines Sohnes hat sich mehr auf meine Arbeit ausgewirkt, als hier Professor zu sein. Es hat mich eher verführt, leichter Geld auszugeben.
Aber du bist auf dem Weg der Besserung?
Ich bin immer auf dem Weg der Besserung. Als Video-Künstler bist du eh nicht verwöhnt. Weil das, was du machst, wurde schon immer bekämpft. Ich habe eine Karriere gemacht von einem potentiellen Pornoproduzenten, als ich damit anfing, über RAF-Sympathisanten, bis heute zum sozusagen etablierten Karrieristen, oder so. Und mich interessieren diese ganzen Attribute überhaupt nicht, weil ich mache immer noch das, was mich interessiert. Das ist eine Obsessionsfrage. Also, wenn du mich fragst, warum ich Videokünstler geworden bin, dann hängt das damit zusammen, dass ich vielleicht auf einem guten LSD-Trip hängen geblieben bin und diese Art von halluzinogener Qualität nur in diesem Medium gefunden habe. Ich habe das, was vielleicht ein Indonesier beim Hahnenk"f erlebt, bei der Herstellung von Videotapes erlebt. Das ist eine magische Praxis. Und ich glaube, die wird mich auch nicht so schnell verlassen.
Die ganze HfG ist von der Ausrichtung der einzelnen Fächer stark auf Museum fixiert. Funktioniert das noch?
Mich interessieren Museen wirklich nicht. Das ist ein Fimmel gestandener Persönlichkeiten. Das kann man in der Biographie des Rektors vielleicht untersuchen, was seine Tendenzen sind, das zu machen. Also, ich wollte ja hier kein Museum.
Aber das Museum ist doch auch deine Plattform.
Ja, aber das ist ja nur eine Hilfskonstruktion. Das Museum ist ein Ort, der präpariert ist und zulässt, dass ich die Dinge so darstelle, wie ich es möchte. Wenn das in anderer Form möglich wäre, würde ich es auch machen. Aber diese Sammlungstätigkeit des Rektors - oder sagen wir mal, der Ehrgeiz, in Konkurrenz zu treten mit anderen Sammlungen oder Museen - ist ja nicht mein Ding. Mich interessiert das ja nicht. Und die HfG ist ja - nicht nur der Rektor, sondern besteht aus den egoistischen Einzelinteressen als Akkumulat aller hier Beschäftigten. Das muss man so sehen.
Als du an die HfG kamst, war das deine erste Professur, alles hier war sehr provisorisch. Wie hat sich in den vergangenen fünf Jahren dein Gefühl zur Hochschule verändert? Was hast du erwartet und was ist daraus geworden?
Ich wusste ja nicht, was mich erwartet. Ich habe erwartet, dass wir wunderbare Inseln vor Saint-Tropez geschenkt bekommen, wo wir uns erholen können, dass wir Konferenzen auf höchstem Niveau in der Guggenheim-Villa in Venedig mitmachen können, dass alles so wunderbar stattfindet wie bei einer Mondlandung, und dass wir jeden Preis auf allen wichtigen Ausstellungen dieser Welt gewinnen. All das ist uns ja vom Rektor prophezeit worden, in guter Absicht übrigens. Die Realität hat das leider - oder vielleicht zu Recht- korrigiert. Man muss sich als Künstler nicht einbilden, dass man der Nabel der Welt sei. Das ist auch eine Krankheit der Künstler. Sie meinen, dass sie alles definieren können, was der Fall ist. Ich würde die Situation hier eher positiv sehen: Wir haben zurückgefunden zu einer Bescheidenheit in Bezug auf die Möglichkeiten, die wir haben und auf die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst. Gleichzeitig ist eine Sammlung, ein Museum, auch nur das, was es ist. Es hängt davon ab, wie viele Leute sich dafür interessieren. Multiplexkinos bleiben nur so lange bestehen, wie Zuschauer da sind, um das zu finanzieren. Das ist der Punkt, den wir einfach einhalten müssen. Und der muss realistisch sein. Der Künstler ist nicht derjenige, der sagt wo es lang geht, sondern da gibt es die Politik, da gibt es die Demokratie, Abstimmungen und solche Sachen, Kompromisse. Wenn ich mich jetzt von der HfG abwende - trotz der Verlängerungsversuche - dann ist das nicht, weil ich sage, das ist gescheitert. Es ist der Abschluss einer bestimmten Periode, die mich viel Nerven und Energie gekostet hat, die mir auch bestimmte Leute vermittelt hat, die ich sonst nicht kennengelernt hätte, über die ich mir keine Illusionen mache, denn es bleibt alles so, wie es war. Es hat eigentlich keine Revolution stattgefunden.
Du hast gerade angedeutet, dass am Anfang das Versprechen bestand, eine Show geboten zu bekommen, auch als Professor von den anderen lernen zu können, berieselt zu werden.
Das habe ich. Das ist auch so. Ich bin von den anderen nicht berieselt, aber belehrt worden. Ich habe ein besseres Verhältnis zur Unfähigkeit von Philosophen in Bezug auf die Kunst gewonnen. Dass Kunsttheorie- oder Geschichte eine große Schwierigkeit hat, mit der Gegenwart klarzukommen. Was ich nicht negativ meine, sondern einfach als Berufsschwierigkeit sehe. Dass soziologische Interessen nicht unbedingt was mit Kunst zu tun haben. Dass Kollegen, die mir fern waren, mir näher gekommen sind. Dass andere Bereiche, an die ich nicht gedacht habe, unter Umständen auch viel mit Kunst zu tun haben. Dass junge Leute nicht unbedingt immer progressiv sind. Und dass alles eingebun- den ist in eine politische Atmosphäre. Und das muss man auch sagen: Diese Schule hat die Schwierigkeit, in einer sehr ungünstigen politischen Atmosphäre aufgewachsen zu sein. Fünfzehn Jahre Kohl waren sicher keine bedeutende Kulturepoche.
Wer kämpft da eigentlich gegen wen?
Das kann ich nicht sagen. Ich würde das schon abstrakt halten. Sonst wird das diffamierend für die einzelnen Personen, die ja nur ausschnitthafte Stellvertreter sind einer bestimmten Profession. Die ja gar nichts dafür kann, dass zum Beispiel Intellektuelle in der Regierung jetzt so wenig Einfluss haben. Dafür kann Herr Sloterdijk nichts und Herr Groys nichts. Oder dass Künstler denunziert werden, als neureiche Geldverstecker, dafür können die Künstler auch nichts. Oder dass das Medium Fernsehen medientheoretische und praktische Ansätze, avantgardistische und innovative Ansätze von Medienkünstlern nicht antizipiert, dafür können die auch nichts. Es war eine bestimmte Ohnmacht, die immer in der Zeit stattfindet. Die Pop Art ist der Ausdruck einer Euphorie zur Zeit der Kennedy- Regierung. Das Regime von Kennedy ist aber politisch nicht unbe- dingt der höchste Punkt der amerikanischen Geschichte, sondern ist eigentlich nur der Reflex aus einer Befreiung von dem McCarthyismus und ein Bezug auf die Werbewelt der 50er Jahre. Daraus ist die Kunst der 60er Jahre entstanden. Wie eben Max Ernst aus einem 19. Jahrhundert Katalog am Anfang des 20. Jahrhunderts eine quasi psychologische Kunstform geschaffen hat. Es ist aber egal, worauf man sich bezieht. Es ist nur wichtig, welche Höhe man erreicht. Und die ist absolut.
Besteht die Reaktion auf die Medien und die aktuelle Situation einfach in dieser Ohnmacht, oder gibt es noch irgendetwas, was darüber hinausgeht?
Das Mehr, das ist die provinzpolitische Spekulation, dass das zu mehr Steuereinnahmen führen könnte. Man sagt: ausserhalb Stuttgarts - möglichst nicht so nah an einem schon bestehenden wirtschaftlichen Bereich, also sprich Hardware, Mercedes Benz- machen wir einen Softwarebereich, wo sich alle ansiedeln, wo die Grundstückspreise niedrig sind und so weiter. Wo sich nicht so eine große Bevölkerung befindet. Um dann einen neuen Industriezweig zu etablieren. Das ist die Maßnahme, die da drinnen steckte. Sonst hätten die nie so viel Geld gegeben. Aber die Kunst ist unberechenbar.
Und du kannst dich dieser Vereinnahmung vollkommen ent- ziehen?
Aber sicher, weil ich kann ja auch in Armut leben. Ich bin ja Künstler geworden in der Überlegung, dass das ein Pakt mit der Armut ist.
Das hat aber nicht funktioniert.
Leider nicht. Geld verdirbt nicht unbedingt den Charakter. Das kommt darauf an, wie man es ausgibt. Auftraggeber, ich habe einen inneren Auftraggeber. Ich machte nicht den feinen Unterschied machen zwischen angewandt und nicht angewandt.
Du hast aber auch Museen als Auftraggeber. Wenn ich das nicht zulasse, mache ich das nicht. Aber die Arbeit existiert trotzdem.
Die Wahl hat im Prinzip der Designer auch.
Ich gebe das Mikro jetzt gerne an Herrn Albus ab. Das Interview war eh zu lang.
Ein Vermächtnis? Letzte Worte?
Eigentlich nichts. Es gibt Kollegen, die möchten Vermächtnisse hinterlassen, Klassen. Ich habe eigentlich nichts zu vermachen. Dann gibt es nämlich keine Streitereien unter den Erben. Das mag ich lieber.
Zum ZKM: soll man die Türen zumachen?
No comment.
Ich finde es fast ein bisschen schade, dass man diese Dualität zwischen den zwei Institutionen HfG und ZKM hat, statt den Konflikt innerhalb der Schule auszutragen.
Das ist doch ganz einfach zu beantworten. Das ZKM baut Autos und wir bilden Piloten aus. Das ist einfach der Unterschied. Unterschiedliche Kriterien der Bewegung. Ich kann ohne Flugzeug fliegen. Die Im ZKM denken darüber nach, wie sie abheben. Ich habe kein Problem beim Abheben. Das ist eine persönliche Geschichte. Als Institution kann man nicht so einfach abheben. Die Hexen flogen ja nie. Sie wussten aber zu fliegen.
Aber, wenn die im Kreis getanzt haben, dann ging das doch irgendwie.
Nein, die sind ja nicht geflogen. Wie war das mit der Hexensalbe. Aber du siehst das doch bei Charlemagne Palestine. Du kannst es den Leuten nicht beibringen.
Entweder du hast es, oder du hast es nicht.


HfG Karlsruhe (1998)