Brattain & Bardeen, Galerie Buchholz
(Abb.ICA London)

Eindrücklich weitläufig, fast quadratisch und im Ebenmass hoch ist der Ausstellungsraum.Unter der Decke hängen mächtig an dünnen Stahlseilen zwei auf den ersten Blick wie Kombinate aus Dingzeug von Düsenaggregaten, Raketenkörpern und Satellitenstationen erscheinende Phantom-Projektile.Beim Nähertreten ergibt sich diese skulpturale Technik-Ballung als Set oder Modul von allerneustem Technik-gerät zu erkennen - freilich konzentriert auf der Ebene künstlerischer Dingmetaphern.Die beiden Düsen aus kompakt gewickeltem, dunkelschwarzem Hartgummi beinhalten jeweils Monitoren, die parallel dieselben Bilder transportieren.Auf einer Endlosschleife wird die konzentrierte Ballung der Invasion der Kriegstechnik wie live mit Orginalaufnahmen ab Satelliten ständig wiederholt.Golfkrieg.Der Bunker in Bagdad gerät ins Fadenkreuz der Laserbombe, die selbständig ihren Zielkurs korrigiert, und wird zerbombt. Der Lastwagen kann sich nicht mehr über die Brücke vor dem Raketeneinschlag retten.Alle Sequenzen sind wie bei der alten Bromid-Fotografie vom Künstler in albumhafte Brauntöne manipuliert.Ein Reporter mit Fernglas und vor dem Mikrofon in der Kabine, nämlich seinerzeit vom Kricket-Match England gegen Australien, ist "on air", also auf Sendung, und macht den Kriegsschauplatz zum international berichterstatteten, jeweils nationalen Sportereignis.Klaus vom Bruch, der sich seit jeher mit den politisch-historischen Konsequenzen der Technikgeschichte auseinandergesetzt hat, bringt mit dieser Installation die Aktualität und Geschichtsmächtigkeit der Technologien auf einen doppelten Nenner.Einerseits macht er den Betrachter seiner Skulptur zum unausweichlichen Kriegszeugen, zum anderen lässt er ihn sachlich kaltblütig, aber ethisch warmherzig ins Radarschirmbild allerneuster High-Tech laufen.All dies geschieht auf einem zivilisationshistorischen Hintergrund.Wie Paul Virilio am ausführlichsten belegt hat, sind ausnahmslos alle Erfindungen und Entwicklungen der Technologien diese Jahrhunderts der Militärforschung zu verdanken: Radar, um die Anderen sehen, beobachten und überwachen zu können, Computer, um gegnerische Codes mittels einer logisch operierenden Maschine zu entschlüsseln usf. Diesen kulturgeschichtlichen Tatbestand hat Klaus vom Bruch immer schon im kritischen Visier gehabt.Bezeichnenderweise hat er schon früh Videotapes mit Titeln wie "Warum wir Männer die Technik so lieben" produziert, dies um auch persönliche, biographische Bewältigung deutscher Geschichte zu betreiben. Die Installation heisst nun aber zum Erstaunen mancher Kunstfreunde "Brattain & Bardeen". Wer die Namen nicht kennt, mag am besten in der New Encyclopaedia Britannica nachschlagen.Walter H.Brattain und John Bardeen erfanden als"Solid State Research Group©— der Bell Telephone Laboratories in den USA 1948 den Transistor, der schlagartig die alte, aufwendige Elektronenröhre verdrängte, und wurden dafür 1956 mit dem Nobel-Preis für Physik geehrt. Die besagte Enzyklopädie schreibt zu dieser folgenreichen Innovation: "Transistors have revolutionized construction of electronic circuits, their small size and low heat making possible the complex circuitry of equipment such as high speed computers." kurzum, ohne Transistoren gäbe es nicht das heutige Fernsehen, den nunmehr weltweiten Radioempfang,das hochqualifizierte Hi-Fi und nicht zuletzt die globale Satellitenkommunikation. Just diesen ziemlich unbekannt gebliebenen Entdeckern des Transistoreffekts widmet der Künstler seine aktuelle, die Aktualität selber manipulierende Techno-Skulptur.Gewiss meint er das in dem Maße auch ironisch, wie er sich selber im Endlosband videoportraitiert, auch als einen Seitenhieb auf die narzistische Selbstbespiegelung vieler Videasten. Als Frontsoldat, allerdings mit einem Geschirrsieb als Helm auf dem Kopf, meldet er sich als Bilderbringer bei Fuss vom Kriegsschauplatz. Doch diese zaghafte Entfremdungsparodie nimmt der Skulptur keineswegs die geballte Plastizität des Themas Maschine - Kultur - Zerstörung. wie Crime-writer Raymond Chandler in seinen Suspenses Gesellschaftsanalyse in Sprachformeln zu Bildern formulieren verstand, so - vergleichbar - bringt Klaus vom Bruch die Bilder des Wirklichen und Authentischen zum Sprechen. Endlos und noch unentrinnbar wie das Videoband der Installation scheint allerdings der "Closed circuit" von Technik und Destruktion und von Kultur und Macht. Ein Entkommen nur dann, wenn das Geschaute durchschaut, die technologische Innovation sich vom penetranten Herrschaftsanspruch emanzipieren liesse.
Siegmar Gassert (März 1991)